paragrana

Zurück zum Verzeichnis der Ausgaben | Zurück zum Verzeichnis der Autoren

Band 8 (1999) Heft 1 "Askese"

In Zeiten, in denen der Luxus zum Notwendigen und das Notwendige zum Luxus wird, findet die Reflexion auf die Grenzbereiche dieser Etikettierungen erneut statt. Der dafür zuständige Diskurs ist der Diskurs der Askese: Er stellt die Fragen nach den Bezügen des Individuums zu sich selbst, den anderen und der Welt in der Codierung von Knappheit oder Fehlen und Fülle oder Überfluss. Aus diesem Diskurs lassen sich vier Befunde skizzieren, die in den in diesem Band versammelten Aufsätzen jeweils auf andere Weise deutlich werden. Erstens hätte eine Geschichte der Askese im Abendland den fundamentalen Zusammenhang der transzendenten religiösen bzw. kosmologischen und der profanen Sphäre herauszuarbeiten. Einerseits herrscht in dieser Geschichte die Idee des asketischen Absoluten, die Idee, durch Übungen Vollkommenheit und Heiligkeit herzustellen; andererseits beginnt mit der protestantischen Ethik ein Übergang zur innerweltlichen Askese: auch der Bürger ist ein Asket, allerdings ein solcher, der sich rein immanenten Zielen (Leistung, Schönheit, Reichtum oder Lust) verschrieben hat. Zweitens bestehen asketische Lebensweisen in phänomenologischer Sicht nicht nur in der Kargheit mönchischer Entsagung. Askese ist vielmehr als ein reflexiver Habitus zu verstehen, der mit einer Ästhetik der Existenz zu tun hat. Drittens geht es, strukturell betrachtet, im Diskurs der Askese immer um Freiheit i.S. der Infragestellung von Zwängen und Begrenzungen. Viertens schließlich ist die nur scheinbar paradoxe Dialektik der Askese ubiquitär, deren Strategie der Idee der Fülle im Mangel folgt: In der Reduktion kehrt sich die Wahrnehmung um, aus Armut entsteht Reichtum, aus Zwang entsteht Freiheit, aus der Unmöglichkeit des Todes entsteht die Möglichkeit zu leben. (aus d. Vorwort d. Hg.)

Herausgegeben von Christoph Wulf und Jörg Zirfas

AUTOREN: Beiträge

CHRISTOPH WULF/JÖRG ZIRFAS : Vorwort
Mystik und Religion
CHRISTINA VON BRAUN: Weibliches Fasten und christliche Traditionen
REMO BODEI : Askese und Verlangen
GEORGIOS TZARTZAS : Askese im frühen Christentum
MARIO PERNIOLA: L’elezione della differenza in Ignazio di Loyola
Körper
JÜRGEN KÖRNER: Die Lust an der Askese
ZANDRA PEDRAZA GÓMEZ: Vom glorreichen Körper
GERBURG TREUSCH-DIETER: Die Askese im Akt
Kunst und Kultur
DORIS SCHUHMACHER-CHILLA: Das Interesse am Selbst zwischen Hedonismus und Askese
YVONNE EHRENSPECK: Ästhetisches Urteilen als „asketisches Ideal“?
KATTRIN DEUFERT: Askese der Bedeutungen – John Cages stille Musik
REIMER GRONEMEYER: Askese im Überfluß
Kommunikation und Moral
BIRGIT ALTHANS: Üben, Üben! Saufteufel, calvinistische Gottesdrogen und newsmongers
ALOIS HAHN: Reden und Schweigen
ANDREAS BRENNER/JÖRG ZIRFAS: Versagende Askese

Zum vorhergehenden Heft | Zum folgenden Heft
Zurück zum Verzeichnis der Ausgaben | Zurück zum Verzeichnis der Autoren